Den letzten Sylvesterabend verbrachte ich in Wien/Österreich, zusammen mit drei weiteren Finn/innen. Es gab eine internationale Party für Gehörbehinderte. Visualbrain organisierte den ganzen Event vom 29. – 31. Dezember 2005
Es waren Teilnehmer da aus vielen verschiedenen Ländern Europas und einige kamen von Amerika, Mexiko und sogar Indien! Insgesamt waren es wahrscheinlich 800 bis 900 Leute! Das sind wirklich viele!
Am 29. begann ein Workshop, organisiert vom VÖGS (einer Organisation für junge gehörgeschädigte Studierende in Österreich). Es wurde über die Situation bezüglich Dolmetscher für Studenten in den verschiedenen Ländern diskutiert. Ich nahm on-line an der Diskussion teil, wie auch viele andere. Jedes Land stellte der Reihe nach die Dolmetschersituation an den Universitäten vor. Das ist ein altbekanntes Problem, aber ich war überrascht über die Bedingungen in anderen Ländern verglichen mit Finnland und Schweden. Zum Beispiel Österreich: im ganzen Land gibt es nur 50 – 100 Dolmetscher, als Folge davon sind an den Universitäten nur sehr wenige. Ein Student/eine Studentin muss das Dolmetscherhonorar selber bezahlen. Die Studierenden bekommen Stipendien vom Staat, aber ein Großteil davon wird nur gebraucht, um die Dolmetscher zu bezahlen! Als Folge davon können die Studierenden nicht für alle Vorlesungen Dolmetscher haben, weil das Geld einfach nicht reicht. Viele Leute wunderten sich über die bessere Situation in Finnland und Schweden. Wir müssen die Dolmetscher nicht selber bezahlen, die Universitäten und die Gemeinden übernehmen das. Aber eine ideale Situation haben wir auch nicht, weil viele Studenten auch unter dem Mangel an Dolmetschern und dem schlechten Bezahlungssystem leiden. Wir sitzen wirklich alle im gleichen Boot und müssen versuchen, diese Probleme gemeinsam zu lösen!
Nach den interessanten Diskussionen hofften wir, dass so ein Workshop auch Zukunft wieder organisiert wird. Wir wollen uns mehr um Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ländern bemühen und gemeinsam für unsere Rechte kämpfen. Wir träumten auch davon, eine gemeinsame Universität für Gehörgeschädigte in Europa einzurichten, wie Gallaudet. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg – wir haben ja keine gemeinsame Gebärdensprache in Europa, in der an der Universität unterrichtet werden könnte. Aber träumen können wir ja davon, wer weiß was die Zukunft bringt.
Nach dem Workshop trafen wir uns im Gehörlosenverein Wien - WITAF zur Entspannung und um kurze Filme von gehörlosen Regisseuren anzusehen. Wir sahen Filme aus Slowenien, Italien, usw. Sie waren interessant und erzählten vom Leben und der Kultur in den Ländern. Bei der Filmvorführung sahen wir viele alte und neue Gesichter. Es gab lebhafte Diskussionen und viele neue Bekanntschaften wurden geschlossen. Die Atmosphäre war sehr gut, alle genossen das Beisammensein. Ich hatte eine starkes Zusammengehörigkeitsgefühl wie in einer Familie.
Am nächsten Tag gab es eine geführte Tour zu den wunderbaren Sehenswürdigkeiten von Wien. Wir waren sehr beeindruckt von den Schlössern, Kirchen, Regierungsgebäuden und Museen. Wien ist sicher eine der schönsten Städte Europas. Nach der Besichtigung trafen wir uns an einem vereinbarten Ort, wo schon drei Busse auf uns warteten.
Unser Ziel war das Schigebiet Semmering, ungefähr eine Stunde von Wien. Wir sollten dort versuchen, mit Rodeln eine Piste hinunter zu fahren. Es waren Schlitten für zwei Personen. Wir waren eine große Zahl interessierter Touristen – drei Busladungen voll. Während der Fahrt erklärte man uns die Grundlagen des Rodelns und Sicherheitsregeln. Rodeln haben ja weder Bremsen noch Lenkräder, man muss mit Händen und Füssen bremsen. „Oh“, dachte ich mir zuerst, aber war als Anfänger schon gespannt, wie das sein würde. Nach unserer Ankunft bekamen wir die Karten und Rodeln. Und dann ging es mit Schwung an die Abfahrt! Wir rodelten einen fast 3 km langen Hügel hinunter. Am Anfang musste man sich schon sehr anpassen, wir mussten Händen und Füßen im Schnee bremsen und lenken. Viele fielen um, weil sie das Gleichgewicht verloren. Ständig hatten wir Schnee im Gesicht, aber das Gefühl war toll. Allmählich lernten wir, das Gleichgewicht zu halten, aber viele fuhren zu schnell und unvorsichtig!
Nach vielen Abfahrten wurde der Hang weich und recht buckelig. Einige hatten Pech – ein Norwegen brach sich das Schienbein, weil sein Fuß irgendwie zwischen Schnee und Schlitten geraten war. Viele von uns waren ein bisschen verletzt, weil wir gegeneinander stießen und umfielen. Das gab viele blaue Flecken! Vielleicht hätten wir zuerst einen Rodel-Kurs machen sollen. Ich fand diese halsbrecherische Erfahrung jedenfalls toll!
Am nächsten Tag bereiteten wir uns auf das Essen und Feiern bei der Sylvesterparty vor. Visualbrain hatten einen Raum in der Kunstakademie für unsere Party gebucht. Das Akademiegebäude ist zwei Stockwerke hoch, sehr groß und eindrucksvoll. Insgesamt feierten dort 800 – 900 Leute. Am letzten Tag kamen noch viele Österreicher dazu, das erhöhte noch die Teilnehmerzahl. Es war beeindruckend, so viele Leute fröhlich beim Feiern zu sehen. Überall diskutierten verschiedene Gruppen, und es war schwierig, in dem Trubel die eigenen Freunde zu finden. Aber es war auch interessant, von einer Gruppe zur anderen zu gehen und neue Gesprächspartner zu finden. Es gab keine Probleme mit der Verständigung, weil wir leicht die „internationale Gebärdensprache“ verwenden konnten. Es war sehr nützlich, die Kulturen anderer Länder kennen zu lernen und verschiedene Gebärden in Interaktion zu sehen. Ich hatte das Gefühl, dass wir in einer Zeit starker Globalisierung leben und viele Länder einander näher kommen. Das Thema der Sylvesterparty war auch „Europe to One“, was den Zusammenhang und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern betont. Das ist wunderbar! Es gab einen hörenden Sänger bei der Party, der von zwei Dolmetschern - HANDSPROJECT begleitet wurde, die gebärdeten. Die Vorführung war gut, aber etwas fehlte – vielleicht hätte ein gehörlose Musikperformer kommen können.
An der Bar gab es großes Gedränge und es wurden eifrig Getränke gemixt. Wir Finnen trafen und um 23 Uhr im Saal, weil es zu der Zeit ja wegen der Zeitverschiebung in Finnland 00.00 Uhr sein würde. Wir umarmten uns und wünschten uns ein Glückliches Neues Jahr. Es dauert nicht lange, und es gab weitere Neujahrswünsche um Mitternacht Ortszeit. Wir alle liefen hinaus, um das Feuerwerk zu sehen und umarmten einander. Es war lustig so vielen verschiedenen Leuten um den Hals zu fallen und man konnte sich unmöglich merken, wer als nächster dran kam. Dann ging es wieder hinein in die Wärme und zu weiterer Unterhaltung und Drinks. Abgesehen von einigen Störungen ging der Abend sehr gut zu Ende. Ich habe eine sehr positive Erinnerung an das Fest und die ganze Veranstaltung, und ich würde es allen Lesern sehr empfehlen, das nächste Mal bei einem internationalen Event dabei zu sein. Warum? Weil es eine Menge neuer Erfahrungen und eine Bereicherung eures Lebens bringt!
Wir danken T. Juhana Salonen (Finnland) für TOLLEN LANGEN ETO 2005/2006 Bericht!
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